2. Artikel: Die Kunst, vor sich selbst davonzulaufen
Manche Menschen rennen Marathon,
ohne einen einzigen Schritt zu tun.
Das Rennen findet innen statt,
im Kopf, im Herz, im Bauchgefühl,
dort, wo die Stille zu laut wäre,
wenn wir sie wirklich zuließen.
Sucht ist nicht immer der Rausch.
Manchmal ist sie schlicht Geschwindigkeit.
Ein Leben im Dauerlauf,
weil wir ahnen,
dass etwas in uns stehengeblieben ist
und wartet.
Die Psychologie nennt es Vermeidung.
Die Seele nennt es Schutz.
Das Leben nennt es manchmal Tragik.
Doch es gibt eine Wahrheit,
die wir alle kennen, auch wenn wir sie selten aussprechen:
Nichts holt uns so zuverlässig ein wie wir selbst.
Wir können uns in Arbeit begraben,
in Beziehungen verlieren,
in Funktionsmodi versteinern,
in Ablenkung ertrinken.
Aber irgendwann –
vielleicht spätabends,
wenn der Bildschirm schwarz wird,
die Wohnung still ist,
die Maske müde,
der Atem ehrlich –
sitzt sie da:
die innere Wahrheit,
geduldig wie ein alter Lehrer.
Sie sagt nicht viel.
Sie fragt nur:
„Warum läufst du vor mir weg?“
Und diese Frage ist wie ein Licht,
das nicht blendet,
sondern zeigt.
Die meisten von uns fliehen nicht,
weil wir schwach sind.
Wir fliehen,
weil wir einmal stark sein mussten
und niemand da war,
der die Last mittrug.
Wir fliehen,
weil der Schmerz alt ist
und die Wunde klug.
Doch genau in dieser Erkenntnis liegt eine sanfte Einladung:
Wir können umkehren.
Nicht mit Gewalt,
nicht mit Disziplin,
nicht mit Selbstkritik,
sondern mit einer Zärtlichkeit,
die wir uns selbst nie zugemutet haben.
Die Heilung beginnt nicht im Kampf.
Sie beginnt im Anhalten.
In diesem heiligen, zaghaften Moment,
in dem wir innehalten und sagen:
„Ich lauf nicht mehr.
Komm, lass uns hinsehen.“
Und wenn wir dann vorsichtig zurückblicken,
entdecken wir oft etwas ganz anderes als erwartet:
Nicht ein Monster.
Sondern ein jüngeres Ich,
das nur Angst hatte,
allein zu sein.
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